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         UNDINE GEHT  (2009 - heute, Auswahl)

         30 x 45 cm und 67,5 x 45 cm
         C-Prints, Edition 5 + 1AP

         In Anlehnung an die Erzählung "Undine geht" von Ingeborg Bachmann portraitiere ich Frauen und Mädchen unterschiedlichen Alters.
         Dabei entsteht ein metaphorisches, generationenübergreifendes Frauenportrait.
         Meine Intention ist es, einen Kontrapunkt zur literarischen Vorlage zu entwickeln und aus der eigenen Generation einen Blick zu formulieren,
         der über die private Beziehung zwischen Mann und Frau hinausreicht hin zur Vielschichtigkeit der Biografien einer Frau mit Fokus auf verschiedene
         Lebensaspekte. Dabei werden Prozesse durchlebt von Hoffnung, Verzweiflung, Flucht und Neubeginn.

         Undine (lat. unda = Welle) ist als literarische Figur vor allem in der Romantik (Friedrich de la Motte Fouqué's Novelle Undine) entstanden und
         hat von da an erst durch Ingeborg Bachmanns Umwandlung in den 1960er Jahren einen selbstbewussten, nach Autonomie strebenden Charakter erhalten.

         Noch in der Romantik ist Undine ein zierliches, empathisches, fast ätherisches und schicksalsergebenes Wesen, welches erst durch die Heirat eines
         Mannes zur Frau wird und sich aus Liebe zu ihrem Mann passiv den Widrigkeiten der Ehe ergibt. Ähnlich wie Shakespeare's Ophelia endet sie betrogen,
         ausgestoßen und sterbend im Wasser. In dieser Darstellung tut sie nichts aus freiem Willen, sie wirkt ohnmächtig, das Schicksal und ihre Gefühle bestimmen
         von Geburt an ihre Wege.
         Anders gestaltet in Ingeborg Bachmanns Version, in der sich Undine, schicksalsbewusst, die Ehe verachtend, ins Wasser zu einer Art Regeneration
         zurückzieht und sich vor ihrem Abgang noch einmal an alle Männer wendet. In einem sprachgewaltigen, anklagenden Monolog beschreibt sie die Zustände
         und ihre Rolle, in die sie geraten ist, in die sie immerwieder gerät, um eine Veränderung zu bewirken.
         Es ist auch ein Versuch von Umverteilung von Schuld. Schuld, die schon seit symbolischem Beginn der Menschheit - im Paradies - immer die Frau trifft,
         wenn sie auf der Suche nach Selbstbewusstsein die bisherige Ordnung ins Wanken bringt und somit tiefgreifend stört.
         Die Anklage gelingt aber letztlich nie ganz. Die liebende, im Getrenntsein lebensunfähige Seite der Undine zwingt sie immerwieder in den tragischen
         Kreislauf zurückzukehren.


























 




















































































































































      Das Antlitz!, Württembergischer Kunstverein Stuttgart, 2013

      neu/e/zugänge,
GEDOK GALERIE Berlin, 2015

      Auszug aus der Einführungs-Rede zur Ausstellung „neu/e/zugänge“, GEDOK Berlin 2015, Sarah Frost

      Die Fotografin Christine Bachmann arbeitet in Serien. Über einen längeren Zeitraum hinweg beschäftigt sie sich mit einem Projekt
      und entwickelt nach und nach eine Reihe von Arbeiten dazu. Die Serie „Undine geht“ hat die Künstlerin 2009 begonnen und setzt
      sie bis heute fort. Sie besteht bisher aus 18 Fotografien.
      Auch bei Christine Bachmann – wie in Marion Buchmanns Videoarbeit „TAT-ORT“ – steht eine Frauenfigur im Zentrum oder –
      anders gesagt – zwischen allem, über allem: Undine, die Protagonistin von Ingeborg Bachmanns Erzählung „Undine geht“ (1961).
      Dabei illustriert Christine Bachmann weder einzelne Szenen, noch stellt sie die Figur explizit als starke, selbstständige Muse dar,
      wie Bachmann sie schildert. Die Fotografin nähert sich der Erzählung auf einer Metaebene. Sie porträtiert Mädchen und Frauen
      verschiedenen Alters in stillen, zum Teil intimen Momenten.
      Ihre Frauenfiguren zeigen nur einen Teil von Undine. Die Idee der Figur blitzt auf und verschwindet wieder. Die Fotografin selbst sagt,
      es sei ihre Intention, einen Kontrapunkt zur literarischen Vorlage zu einwickeln und einen zeitgenössischen Blick darauf zu formulieren.
      Dennoch klingen Begriffe, die für Ingeborg Bachmanns Prosa von Bedeutung sind, auch hier an: Hoffnung, Verzweiflung, Flucht und
      Neubeginn.

      Eine eigene Erzählung wird durch den ständigen Szenenwechsel, die die Arbeit als Serie vermittelt, angedeutet, aber im selben Zuge
      wieder gebrochen. So ist „Undine geht“ im Ganzen als methaphorisches Frauenporträt, als zeitgenössisches Kommentar zu sehen,
      entstanden auf der Folie von Ingeborg Bachmanns Erzählung.
      
      linie.licht.zeichen, Vier Positionen israelischer und deutscher zeitgenössischer Kunst, Kunstzentrum Karlskaserne, Ludwigsburg, 2014
               
     Katalogtext zur Ausstellung 
linie.licht.zeichen, 2014, Heidi Stecker

     Seit 2009 arbeitet Christine Bachmann an dem Projekt „Undine geht“. Damit zitiert sie die Erzählung „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann aus dem Jahr
     1961 in dem Band „Das dreißigste Jahr“. Christine Bachmann fotografiert Frauen unterschiedlichen Alters, im Portrait, im Akt, im Privatraum, im Grünen,
     im Wasser, im Sand. Die Orte bleiben unbestimmt.
     Sie setzt die Frauen in Bezug zum Mythos der Undine und zur Erzählung der Schriftstellerin. Sie entwirft damit ihre persönliche Sicht auf die legendäre
     Märchenfigur. Kann man Undine als Metapher für weibliche Existenz betrachten? Bachmann ordnet die von ihr fotografierte Frau der Natur zu.
     Entwirft sie damit eine Utopie besseren Lebens? Selbstbestimmt, sensibel, bewusst? Was bedeutet hier, dass die Frauen zum Teil nackt sind? Sich der Luft,
     dem Wasser, dem Wetter ausliefern? Sie direkt auf der Haut fühlen?
     Die Erzählung Ingeborg Bachmanns stellt eine Auseinandersetzung mit dem Undine-Stoff auf der Suche nach einer Neupositionierung der Frau in
     der westeuropäischen Nachkriegszeit dar. Zitat, Stoffumwandlung, Adaption, Umkehrung, Wechsel der Erzählebenen drehen auch hier viele Schleifen:
     Ingeborg Bachmann bezieht sich auf die berühmte Märchennovelle „Undine“ von Friedrich de la Motte Fouqué (1811), die wiederum auf vielen Erzählungen
     über Undinen beruht. In einem Monolog beschreibt Ingeborg Bachmann die Rolle, in die Undine immer wieder gerät. Sie beschuldigt enttäuscht ihren Hans,
     dass er sie nie richtig geliebt habe. Undine gibt allen Männern das Pseudonym „Hans“ und bezeichnet ihn und alle Männer als Monster, Ungeheuer und
     Verräter – da Männer nur zerstören, töten können.
     Die Anklage lässt die LeserInnen jedoch unzufrieden zurück. Die liebende, offenbar allein lebensunfähige Undine rutscht immer wieder in den deprimierenden
     Kreislauf ihrer ungleichgewichtigen Beziehungen zurück. Ingeborg Bachmann geht nicht so weit, dass ihre Undine tötet; sie nimmt also deren fatale
     Eigenschaft zurück; doch kehrt ihre Undine um etliche Enttäuschungen über die Menschen(-Männer) reicher in ihr ursprüngliches Element, ins Wasser
     zurück. Damit resigniert sie.
     Was die Liebe sei, wird in diesen Texten verhandelt: Liebe ist ein ständiges Verhandeln von Kompromissen, von Entgegenkommen, von Abkommen,
     von Rücksicht. Es geht um Kompatibilität der Gefühle, von Natur und menschlicher Existenz. Die Radikalität der mythischen Undine löst Qual und Katastrophen
     aus. Ist solche Unbedingtheit Teil der unvollkommenen, fehlerhaften Menschen?
     Christine Bachmann stellt die Frauen ganz in den Mittelpunkt ihrer Fotografien. Sie zeigt sie als der Natur zugewandt, im Park, im Wald, beim Schlaf, in der Nacht,
     im dunklen Wasser. Sie vertieft das Spiel mit Zeit- und Realitätsebenen, bettet ihre Portraits in ikonenhafte Weiblichkeitsdarstellungen.          


      New York Photo Awards 2011, Photographic Centre Peri, Turku, Finnland, 2011  (© photo: Christina Felschen)


      Bachmann/Eckert/Grüß, Grafischer Hof Leipzig, 2012   (© photo: Swen Reichold)

      (© photo: Swen Reichold)

      Endeneu 01102010, Forum Neue Schule für Fotografie, 2010





 

 

 

 



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