CHRISTINE BACHMANN

KIEKT EUCH UM! (seit 2023)

Seit 2023 fotografiere ich den sorglos weggeworfenen Kleinmüll, auch als Litter bekannt, auf Berlins Gehwegen, Plätzen und Grünflächen. Die Fotografien entstehen auf meinen täglichen Wegen. In den letzten Jahren hat Littering erheblich zugenommen, was dazu beiträgt, dass Berlin mittlerweile eine der schmutzigsten Großstädte Europas ist. Allerdings bleibt Littering ein globales Problem. Es beeinträchtigt nicht nur die Lebensqualität, sondern dringt, wie in der Psychogeografie erforscht, tiefer in unsere Emotionen, Gedanken und Verhaltensweisen ein und kann unsere Nervensysteme dauerhaft belasten.¹ Darüber hinaus dringt Kleinmüll direkt in die Umwelt ein, bedroht Tiere und Pflanzen und verunreinigt unser Grundwasser. In meinen Bildern nimmt der Müll eine Art eigenständiges Dasein an. Fast wie seltsame Kreaturen lebt er in Büschen, auf Wiesen und am Straßenrand. Ich verstärke bewusst den Effekt der Pareidoli, die Neigung des Gehirns, in Dingen und Mustern vermeintliche Gesichter und vertraute Wesen oder Gegenstände zu erkennen. In begleitenden Texten kommt der Müll zu Wort und es entsteht eine ungewöhnliche Perspektive auf seine Existenz mit klarer Botschaft. So entsteht eine Beziehung zum Müll, die aus meiner Sicht vielen Menschen verloren gegangen ist.


KIEKT EUCH UM!
Fotografien und Texte (Auswahl)

Bad hair day?
Na, fragen Sie mich mal. Zerzaust, verlaust, verfilzt, fettig und jede Menge Spliss – das volle Programm. Kein Wunder, dass man mich nicht mehr will. Ich hab ausgedient. Bestimmt hundertmal wischte man mit meinen Zotteln den Hausflur sauber, Stufe für Stufe. Geduldig und penibel nahm ich den Dreck der Leute auf. Ich habe viel gesehen. Und gerochen. Urgh. Aber was ist der Dank? Einfach vor die Tür werfen? So mitten auf den Gehweg? Auch hier leben kleine Tiere, und meine Fusseln gehören nicht in die Erde! Die Mülltonnen sind zehn Meter entfernt. Also echt mal! Da will ich hin! Meine letzte Station vor der Feuerbestattung. Ein alter Wischmop wie ich verdient etwas mehr Respekt. Und immer schön die Schuhe abtreten. Danke.

Ganz schön plattgedrückt
fühle ich mich. Weiß nicht, wie viele Autos schon über mich gefahren sind, habe irgendwann aufgehört zu zählen. Jetzt lieg ich erstmal am Straßenrand, wer weiß wie lange. Wenn’s schlimm kommt, ein paar hundert Jahre. Mein Material ist robust. Schön war’s, als noch frisches Wasser in mir schwappte und ein Mensch seinen Durst daran stillte. Als ich leer war, flog ich in hohem Bogen und landete hart auf Asphalt. Das erste Auto kam und brach mir den Hals. Leute, ich wollte nur in eine dieser gelben Tonnen und wieder eine Flasche werden oder was anderes Nützliches. Schmutzig bin ich, die Krähen picken an mir rum, mein Material landet im Grundwasser. Ey Du! Ja, Du. Heb mich einfach auf. Danke.

Ist schon wieder Fashion Week?
Puh, war das ne wilde Party letzte Nacht. Fühl mich noch ganz verkatert. Meine Besitzerin hat mich hier einfach vergessen. Aber eigentlich wollte sie mich schon länger loswerden. Ist halt zu weit bis zum nächsten Container. Bestimmt 200 Meter. Also nutzte sie die Dunkelheit der Nacht und legte mich hier auf den Busch. Vielleicht dachte sie auch, dass mich noch jemand anziehen will? Aber ganz ehrlich? Ich bin durch. Völliger Hangover. Und Braun ist auch nicht mehr in. Also möge jemand den Busch von mir erlösen. Der will Licht, Luft, Sonne. »Büsche sind kein Gabentisch«, flüstert er mir zu. »Und auch keine Müllhalde«, grummelt er vor sich hin. Recht hat er. Also ab mit mir in einen Container. Danke.

Was für ein Lappen!
Ja, da staunen Sie! Prächtig farbig lieg ich hier, kreativ gefaltet. Man könnte diesen Farbtupfer im Gebüsch fast schön finden. Aber Vorsicht! Nicht mit bloßen Händen anfassen! Und besser auch nicht dran riechen. Ich stinke! Und die vielen Bakterien in meinen Fasern wollen Sie auch nicht kennenlernen. Mit mir wurde zwar nur ein Auto geputzt, aber die Biester vermehren sich und wenn es regnet, sickert alles in die Erde – meine Fasern und Putzmittel gleich mit. Das ist nicht gut! Ich gehöre hier nicht hin! Es gibt so schwarze Tonnen, vielleicht wären Sie so nett und legen mich da rein? Danke.

Kein Bock auf Montag?
Ich auch nicht. Woche vier und ich lieg immer noch hier rum. – „Ja, guten Morgen! Hallo der Herr. Könnten Sie mal? Ach, keine Zeit? Ok, verstehe ich.“ Bin auch nicht gut anzufassen, so eklig schmutzig. Das waren noch Zeiten, als ich mit den anderen Servietten hübsch gefaltet im Restaurant lag, auf einem weiß gedeckten Tisch neben teurem Besteck und die erste Suppe wurde gereicht. Spargel mit Mangold. Ich wurde in Hände genommen, an Mund und Nase geführt, dann landete ich im Dunkeln – in einer seidenen Sakkotasche. Am späten Abend segelte ich plötzlich durch die Luft. Jetzt lieg ich hier. Auf einem Gehweg. Der Wind hat mich schon mehrmals bewegt. Aber er ist nicht so geschickt wie Menschenhände. „Also könnten Sie dann doch mal? Da drüben ist so ein orangener Behälter. Da gehöre ich hin. Danke.”

Pssst, können Sie mich sehen?
Man hat mich hier versteckt. Wohlgemerkt nicht sehr gut, denn natürlich können Sie mich sehen! Ich übe mich gerade darin, die Form eines Delfins anzunehmen. Vielleicht hilft das, wenn ich demnächst im Ozean treibe, zusammen mit meinen Artgenossen, die dort gerade neue Inseln bilden. Wie wollt ihr Menschen uns nennen? Müllsackia? Gran Plastania? Gleich mal eins vorweg: bei uns ist nicht gut Urlaub machen. Wir sind beschäftigt mit, ja, zum Beispiel Delfinen, die uns aufessen, weil da wohl sonst nix anderes im Meer zu finden ist. Deshalb übe ich schon mal Delfin-Style. Zur Abwehr. Falls Sie doch mal wieder entspannt Strandurlaub machen wollen… Nun ja, ohne Illusion klappt das aktuell nicht, wir sind schon überall. Aber das haben Sie in der Hand! Werfen Sie mich und andere Plastianer einfach in diese gelben Tonnen neben Ihrem Haus. Ich will nämlich gar nicht ins Meer. Ich werd so schnell seekrank. Danke.

Berührend, nicht wahr?
Berühren ist mein Job. Ich berühre alles, das Schönste und das Ekligste, da kenn ich nix. Hier allerdings mache ich keinen Sinn. Ich war über eine Hand gestülpt, um vor Keimen zu schützen oder sogar vor einem gefährlichen Virus. Vielleicht auch vor ätzenden Chemikalien. Irgendwer dachte, der Busch wird sich schon drum kümmern. Aber hey, Spoiler: wird er nicht! In meinen kleinen Finger hat sich schon eine Ameise verirrt. Mit verirrten Tieren haben Menschen neuerdings viel Mitgefühl, hab ich gehört. Also ab mit mir in die nächste Mülltonne! Vorher Ameise freilassen. Danke.

public installation, Georg-Blank-Str., Berlin-Prenzlauer Berg, 2026

¹ Colin Ellard, Psychogeografie: Wie die Umgebung unser Verhalten und unsere Entscheidungen beeinflusst, btb Verlag, 2017