Seit Oktober 2023 fotografiere ich den sorglos weggeworfenen
kleinen Müll, auch als Litter bekannt, auf Berlins
Gehwegen, Plätzen und Grünflächen. Die Fotografien entstehen
auf meinen täglichen Wegen und Spaziergängen. In den letzten
Jahren hat Littering erheblich zugenommen, was dazu
beiträgt, dass Berlin mittlerweile eine der schmutzigsten
Großstädte Europas ist. Allerdings bleibt Littering
ein globales Problem. Es beeinträchtigt nicht nur die
Lebensqualität, sondern dringt, wie in der Psychogeografie
erforscht, tiefer in unsere Emotionen, Gedanken und
Verhaltensweisen ein und kann unsere Nervensysteme dauerhaft
belasten. Darüber hinaus dringt Abfall direkt in die Umwelt
ein, bedroht Tiere und Pflanzen. In meinen Bildern nimmt der
Müll eine Art eigenständiges Dasein an. Fast wie seltsame
Kreaturen lebt er in Büschen, auf Wiesen und am Straßenrand.
Ich verstärke bewusst den Effekt der Pareidoli, die Neigung des
Gehirns, in Dingen und Mustern vermeintliche Gesichter und
vertraute Wesen oder Gegenstände zu erkennen. Es entsteht eine
metaphorische Verbindung zwischen Umweltverschmutzung und der
lebendigen, aber bedrohten Welt, die unsere Aufmerksamkeit und
Pflege erfordert.
Fotografien + Texte, Auswahl

Was für ein
Lappen!
Ja, da staunen Sie! Prächtig
farbig lieg ich hier, kreativ gefaltet. Man könnte diesen
Farbtupfer im Gebüsch fast schön finden. Aber Vorsicht! Nicht
mit bloßen Händen anfassen! Und besser auch nicht dran riechen.
Ich stinke! Und die vielen Bakterien in meinen Fasern wollen
Sie auch nicht kennenlernen. Mit mir wurde zwar nur ein Auto
geputzt, aber die Biester vermehren sich und wenn es regnet,
sickert alles in die Erde – meine Fasern und Putzmittel gleich
mit. Das ist nicht gut! Ich gehöre hier nicht hin! Es gibt so
schwarze Tonnen, vielleicht wären Sie so nett und legen mich da
rein? Danke.

Berührend, nicht
wahr?
Berühren ist mein Job. Ich
berühre alles, das Schönste und das Ekligste, da kenn ich nix.
Hier allerdings mache ich keinen Sinn. Ich war über eine Hand
gestülpt, um vor Keimen zu schützen oder sogar vor einem
gefährlichen Virus. Vielleicht auch vor ätzenden Chemikalien.
Irgendwer dachte, der Busch wird sich schon drum kümmern. Aber
hey, Spoiler: wird er nicht! In meinen kleinen Finger hat sich
schon eine Ameise verirrt. Mit verirrten Tieren haben Menschen
neuerdings viel Mitgefühl, hab ich gehört. Also ab mit mir in
die nächste Mülltonne! Vorher Ameise freilassen. Danke.

Ganz schön
plattgedrückt
fühle ich mich.
Weiß nicht, wie viele Autos schon über mich gefahren sind, habe
irgendwann aufgehört zu zählen. Jetzt lieg ich erstmal am
Straßenrand, wer weiß wie lange. Wenn’s schlimm kommt, ein paar
hundert Jahre. Mein Material ist robust. Schön war’s, als noch
frisches Wasser in mir schwappte und ein Mensch seinen Durst
daran stillte. Als ich leer war, flog ich in hohem Bogen und
landete hart auf Asphalt. Das erste Auto kam und brach mir den
Hals. Leute, ich wollte nur in eine dieser gelben Tonnen und
wieder eine Flasche werden oder was anderes Nützliches.
Schmutzig bin ich, die Krähen picken an mir rum, mein Material
landet im Grundwasser. Ey Du! Ja, Du. Heb mich einfach auf.
Danke.

Ist schon wieder
Fashion Week?
Puh, war das ne wilde Party letzte
Nacht. Fühl mich noch ganz verkatert. Meine Besitzerin hat mich
hier einfach vergessen. Aber eigentlich wollte sie mich schon
länger loswerden. Ist halt zu weit bis zum nächsten Container.
Bestimmt 200 Meter. Also nutzte sie die Dunkelheit der Nacht
und legte mich hier auf den Busch. Vielleicht dachte sie auch,
dass mich noch jemand anziehen will? Aber ganz ehrlich? Ich bin
durch. Völliger Hangover. Und Braun ist auch nicht mehr in.
Also möge jemand den Busch von mir erlösen. Der will Licht,
Luft, Sonne. »Büsche sind kein Gabentisch«, flüstert er mir zu.
»Und auch keine Müllhalde«, grummelt er vor sich hin. Recht hat
er. Also ab mit mir in einen Container. Danke.

Kein Bock auf
Montag?
Ich auch nicht. Woche vier und ich lieg immer noch hier rum. –
„Ja, guten Morgen! Hallo der Herr. Könnten Sie mal? Ach, keine
Zeit? Ok, verstehe ich.“ Bin auch nicht gut anzufassen, so
eklig schmutzig. Das waren noch Zeiten, als ich mit den anderen
Servietten hübsch gefaltet im Restaurant lag, auf einem weiß
gedeckten Tisch neben teurem Besteck und die erste Suppe wurde
gereicht. Spargel mit Mangold. Ich wurde in Hände genommen, an
Mund und Nase geführt, dann landete ich im Dunkeln – in einer
seidenen Sakkotasche. Am späten Abend segelte ich plötzlich
durch die Luft. Jetzt lieg ich hier. Auf einem Gehweg. Der Wind
hat mich schon mehrmals bewegt. Aber er ist nicht so geschickt
wie Menschenhände. „Also könnten Sie dann doch mal? Da drüben
ist so ein orangener Behälter. Da gehöre ich hin.
Danke.”

Bad hair day?
Na,
fragen Sie mich mal. Zerzaust, verlaust, verfilzt, fettig und
jede Menge Spliss – das volle Programm. Kein Wunder, dass man
mich nicht mehr will. Ich hab ausgedient. Bestimmt hundertmal
wischte man mit meinen Zotteln den Hausflur sauber, Stufe für
Stufe. Geduldig und penibel nahm ich den Dreck der Leute auf.
Ich habe viel gesehen. Und gerochen. Urgh. Aber was ist der
Dank? Einfach vor die Tür werfen? So mitten auf den Gehweg?
Auch hier leben kleine Tiere, und meine Fusseln gehören nicht
in die Erde! Die Mülltonnen sind zehn Meter entfernt. Also echt
mal! Da will ich hin! Meine letzte Station vor der
Feuerbestattung. Ein alter Wischmop wie ich verdient etwas mehr
Respekt. Und immer schön die Schuhe abtreten. Danke.