Seit 2023 fotografiere ich den sorglos weggeworfenen Kleinmüll, auch als Litter bekannt, auf Berlins Gehwegen, Plätzen und Grünflächen. Die Fotografien entstehen auf meinen täglichen Wegen. In den letzten Jahren hat Littering erheblich zugenommen, was dazu beiträgt, dass Berlin mittlerweile eine der schmutzigsten Großstädte Europas ist. Allerdings bleibt Littering ein globales Problem. Es beeinträchtigt nicht nur die Lebensqualität, sondern dringt, wie in der Psychogeografie erforscht, tiefer in unsere Emotionen, Gedanken und Verhaltensweisen ein und kann unsere Nervensysteme dauerhaft belasten.¹ Darüber hinaus dringt Kleinmüll direkt in die Umwelt ein, bedroht Tiere und Pflanzen und verunreinigt unser Grundwasser. In meinen Bildern nimmt der Müll eine Art eigenständiges Dasein an. Fast wie seltsame Kreaturen lebt er in Büschen, auf Wiesen und am Straßenrand. Ich verstärke bewusst den Effekt der Pareidoli, die Neigung des Gehirns, in Dingen und Mustern vermeintliche Gesichter und vertraute Wesen oder Gegenstände zu erkennen. In begleitenden Texten kommt der Müll zu Wort und es entsteht eine ungewöhnliche Perspektive auf seine Existenz mit klarer Botschaft. So entsteht eine Beziehung zum Müll, die aus meiner Sicht vielen Menschen verloren gegangen ist.
KIEKT EUCH
UM!
Fotografien und Texte (Auswahl)

Bad hair day?
Na,
fragen Sie mich mal. Zerzaust, verlaust, verfilzt, fettig und
jede Menge Spliss – das volle Programm. Kein Wunder, dass man
mich nicht mehr will. Ich hab ausgedient. Bestimmt hundertmal
wischte man mit meinen Zotteln den Hausflur sauber, Stufe für
Stufe. Geduldig und penibel nahm ich den Dreck der Leute auf.
Ich habe viel gesehen. Und gerochen. Urgh. Aber was ist der
Dank? Einfach vor die Tür werfen? So mitten auf den Gehweg?
Auch hier leben kleine Tiere, und meine Fusseln gehören nicht
in die Erde! Die Mülltonnen sind zehn Meter entfernt. Also echt
mal! Da will ich hin! Meine letzte Station vor der
Feuerbestattung. Ein alter Wischmop wie ich verdient etwas mehr
Respekt. Und immer schön die Schuhe abtreten.
Danke.

Ganz schön
plattgedrückt
fühle ich mich. Weiß nicht, wie viele Autos schon über mich
gefahren sind, habe irgendwann aufgehört zu zählen. Jetzt lieg
ich erstmal am Straßenrand, wer weiß wie lange. Wenn’s schlimm
kommt, ein paar hundert Jahre. Mein Material ist robust. Schön
war’s, als noch frisches Wasser in mir schwappte und ein Mensch
seinen Durst daran stillte. Als ich leer war, flog ich in hohem
Bogen und landete hart auf Asphalt. Das erste Auto kam und
brach mir den Hals. Leute, ich wollte nur in eine dieser gelben
Tonnen und wieder eine Flasche werden oder was anderes
Nützliches. Schmutzig bin ich, die Krähen picken an mir rum,
mein Material landet im Grundwasser. Ey Du! Ja, Du. Heb mich
einfach auf. Danke.

Ist schon wieder
Fashion Week?
Puh, war das ne wilde Party letzte
Nacht. Fühl mich noch ganz verkatert. Meine Besitzerin hat mich
hier einfach vergessen. Aber eigentlich wollte sie mich schon
länger loswerden. Ist halt zu weit bis zum nächsten Container.
Bestimmt 200 Meter. Also nutzte sie die Dunkelheit der Nacht
und legte mich hier auf den Busch. Vielleicht dachte sie auch,
dass mich noch jemand anziehen will? Aber ganz ehrlich? Ich bin
durch. Völliger Hangover. Und Braun ist auch nicht mehr in.
Also möge jemand den Busch von mir erlösen. Der will Licht,
Luft, Sonne. »Büsche sind kein Gabentisch«, flüstert er mir zu.
»Und auch keine Müllhalde«, grummelt er vor sich hin. Recht hat
er. Also ab mit mir in einen Container. Danke.

Was für ein
Lappen!
Ja, da staunen Sie!
Prächtig farbig lieg ich hier, kreativ gefaltet. Man könnte
diesen Farbtupfer im Gebüsch fast schön finden. Aber Vorsicht!
Nicht mit bloßen Händen anfassen! Und besser auch nicht dran
riechen. Ich stinke! Und die vielen Bakterien in meinen Fasern
wollen Sie auch nicht kennenlernen. Mit mir wurde zwar nur ein
Auto geputzt, aber die Biester vermehren sich und wenn es
regnet, sickert alles in die Erde – meine Fasern und Putzmittel
gleich mit. Das ist nicht gut! Ich gehöre hier nicht hin! Es
gibt so schwarze Tonnen, vielleicht wären Sie so nett und legen
mich da rein? Danke.

Kein Bock auf
Montag?
Ich auch nicht. Woche vier und ich lieg immer noch hier rum. –
„Ja, guten Morgen! Hallo der Herr. Könnten Sie mal? Ach, keine
Zeit? Ok, verstehe ich.“ Bin auch nicht gut anzufassen, so
eklig schmutzig. Das waren noch Zeiten, als ich mit den anderen
Servietten hübsch gefaltet im Restaurant lag, auf einem weiß
gedeckten Tisch neben teurem Besteck und die erste Suppe wurde
gereicht. Spargel mit Mangold. Ich wurde in Hände genommen, an
Mund und Nase geführt, dann landete ich im Dunkeln – in einer
seidenen Sakkotasche. Am späten Abend segelte ich plötzlich
durch die Luft. Jetzt lieg ich hier. Auf einem Gehweg. Der Wind
hat mich schon mehrmals bewegt. Aber er ist nicht so geschickt
wie Menschenhände. „Also könnten Sie dann doch mal? Da drüben
ist so ein orangener Behälter. Da gehöre ich hin.
Danke.”

Pssst, können Sie
mich sehen?
Man hat mich hier
versteckt. Wohlgemerkt nicht sehr gut, denn natürlich können
Sie mich sehen! Ich übe mich gerade darin, die Form eines
Delfins anzunehmen. Vielleicht hilft das, wenn ich demnächst im
Ozean treibe, zusammen mit meinen Artgenossen, die dort gerade
neue Inseln bilden. Wie wollt ihr Menschen uns nennen?
Müllsackia? Gran Plastania? Gleich mal eins vorweg: bei uns ist
nicht gut Urlaub machen. Wir sind beschäftigt mit, ja, zum
Beispiel Delfinen, die uns aufessen, weil da wohl sonst nix
anderes im Meer zu finden ist. Deshalb übe ich schon mal Delfin-Style.
Zur Abwehr. Falls Sie doch mal wieder entspannt Strandurlaub
machen wollen… Nun ja, ohne Illusion klappt das aktuell nicht,
wir sind schon überall. Aber das haben Sie in der Hand! Werfen
Sie mich und andere Plastianer einfach in diese gelben Tonnen
neben Ihrem Haus. Ich will nämlich gar nicht ins Meer. Ich werd
so schnell seekrank. Danke.

Berührend, nicht
wahr?
Berühren ist mein Job.
Ich berühre alles, das Schönste und das Ekligste, da kenn ich
nix. Hier allerdings mache ich keinen Sinn. Ich war über eine
Hand gestülpt, um vor Keimen zu schützen oder sogar vor einem
gefährlichen Virus. Vielleicht auch vor ätzenden Chemikalien.
Irgendwer dachte, der Busch wird sich schon drum kümmern. Aber
hey, Spoiler: wird er nicht! In meinen kleinen Finger hat sich
schon eine Ameise verirrt. Mit verirrten Tieren haben Menschen
neuerdings viel Mitgefühl, hab ich gehört. Also ab mit mir in
die nächste Mülltonne! Vorher Ameise freilassen.
Danke.


public installation, Georg-Blank-Str., Berlin-Prenzlauer Berg, 2026
¹ Colin Ellard, Psychogeografie: Wie die Umgebung unser Verhalten und unsere Entscheidungen beeinflusst, btb Verlag, 2017